In der frühen Sowjetunion, wo man mit „Amerikanismus“,
mit enthusiastischer Begeisterung für das Vorbild einer
modernen, effizient organisierten und industrialisierten Zivilisation
an den Aufbau einer neuen nicht kapitalistischen Gesellschaft
ging, wurde der von Lenin 1913/1914 noch als „Versklavung
des Menschen durch die Maschine“ und „Schweißauspressung
nach allen Regeln der Wissenschaft“ verdammte Taylorismus
– Frederick Taylors System standardisiert-rationaler
Bewegungsökonomie – zur Basis einer intensiv geförderten
„Wissenschaftlichen Organisation der Arbeit“ (NOT:
Naucnaja organizacija truda), für die unter anderem auch
in dem von E. Spilrejn geleiteten „Laboratorium für
industrielle Psychotechnik beim Volkskommissariat für
Arbeit“ und im „Zentrallabor für Arbeitsforschung
beim Institut für Gehirnforschung“ des Reflexologen
V. Bechterev geforscht wurde. Experimentelle Praxis erhöhter
ergonomischer Effizienz verband sich also mit I. Pavlovs und
V. Bechterevs psycho-physiologischem Materialismus, der Menschen
als einen reflexologisch steuer-, also veränderbaren
Mechanismus sah.
All dies zeigte keinesfalls nur fachspezifische Folgen, sondern
erfasste sämtliche Bereiche des Lebens in geradezu paradigmatischer
Weise. Es nährte avantgardistische Hoffnungen auf eine
Verschmelzung von Kunst und Leben, von ästhetischer,
materieller und gesellschaftlicher Produktion, und es programmierte
vor allem auch die Konzeptvorstellungen von einem „machbaren“
Neuen Menschen.
Hans-Joachim Schlegel: Konstruktionen und Perversionen
– Der „Neue Mensch“ im Sowjetfilm ISBN
3-931321-71-1