Von den epischen Rezitativformen,
die mir bekannt sind, ist die koreanische bei weitem die emotionalste
und hysterischste. Sie entfaltet mit einer immensen Kraft
die Gefühlswelt der dargestellten Figur. Die rezitative
Vortragsweise beispielsweise im japanischen Bunraki Puppenspiel
– wieweit sie sich auch emotional gebären mag –
schwingt sich letztendlich auf eine erzählerische Metaebene
der Ereignisse auf. Somit spannt sie einen Bogen zwischen
Innerlichkeit der dargestellten Figur und dessen – von
einer Metaebene betrachteten – Erlebniswirklichkeit.
Die koreanische Rezitative perspektiviert in erster Linie
die innere Dispostion der dargestellten Figur, ihr Leiden,
ihr Glück, ihre Qual etc.. Die Rezitativ-Form verlässt
die Disposition der Figur nicht, kommentiert sie nicht, eröffnet
keinen sogenannten neutralen Blick auf die Figur selbst. Letztendlich
seziert sie die Figur nicht, sie stellt sie bedingungslos
aus sich selbst heraus dar. Und wenn ein literarischer Woyzeck,
der zum Kanon der Weltliteratur geworden ist und aus jeder
erdenklichen Perspektive analysiert wurde, überhaupt
noch als ein Stück Leben dargestellt werden kann, so
denke ich kann dies durch die koreanische Rezitativform gelingen.
Ein Stück Fleisch auf der literarischen Sezierbank bekommt
wieder ein Stimme, eine Stimme, die auch Jenseits der Analyse
Büchners stehen kann.